Weihnachten, wie‘s früher war

Man hat ja jetzt viel Zeit und Muse seinen Gedanken zu folgen. Ich erinnere mich derzeit oft an meine Kindheit. An Weihnachten.

Wir lebten, drei Generationen in einem kleinen Siedlerhaus, am Rande der Stadt. Unser Wohnzimmer war wirklich klein. Und doch hatten wir alle, meine Eltern, die Oma und auch die jüngste Schwester meines Vaters mit ihrem Mann Platz. Mama, Papa und Oma auf dem Sofa. Mein Onkel im Sessel, meine Tante auf einem Küchenstuhl und wir Kinder auf dem Boden unter dem Tisch. Dort war’s gemütlich. Wie in einem Zelt. Auf diese Weise hatten wir alle freien Blick auf den Fernseher. Fernsehen durfte man aber an Heilig Abend nicht.

Mittags gab es Leberknödelsuppe. Die konnte schon am Vortag gekocht werden. Ebenso, für den Abend, das Sauerkraut und der spezielle Kartoffelsalat meiner Mutter. Am frühen Nachmittag zogen wir alle unsere feinste Kleidung an. Zusammen mit der Tante und meiner Mama durfte ich am Nachmittag das Theater besuchen. Kindertheater, Peterchens Mondfahrt zum Beispiel. Es war märchenhaft. Das alte, wunderschöne Barocktheater, die Musik, die festlich gekleideten Menschen, ich fühlte mich wie Sissi – ein Mädchentraum. Mein kleiner Bruder hat sich derweil die Zeit bei und mit Oma im 1. Stock des Hauses vertrieben. Mein Onkel ging zum Fischen. Mein Vater war der offizielle Assistent des Christkindes.

In einem kleinen Nebenraum (Kinderzimmer wäre zuviel gesagt) zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer stellte er ein Tischchen auf. Darauf kam eine Weihnachtstischdecke. Darauf dann der kleine Weihnachtsbaum. Dann holte mein Vater die verborgene Truhe vom Dachboden und schmückte den Baum. Er machte das immer mit viel Liebe. Wir hatten elektrische Kerzen – aber er hängte eine Menge Sternwerfer an den Baum. Dann wurden die Geschenke auf dem Tisch drapiert. Unter dem Tischchen stand immer die selbst gestaltete Krippe. Der Raum wurde geschlossen. Er war nicht beheizt.

Zurück aus dem Theater versammelten sich langsam alle im Wohnzimmer vor der geschlossenen Tür. Wir waren neugierig und obwohl es verboten war lugte ich durchs Schlüsselloch. Ein kalter Luftzug blies mir ins Auge. Das Christkind hatte mich entdeckt und bestraft.

Dann, endlich – mein Vater sah nach ob das Christkind weg war und es läutete. Die lang ersehnte Glocke läutete. Wir durften das Weihnachtszimmer betreten. Es war dunkel, nur die Kerzen am Baum leuchteten. Wir waren schwer beeindruckt von dieser Pracht. Nun kam der Höhepunkt des Abends. Mein Vater zündete die Sternwerfer am Baum und wir alle 7 zusammen sangen, nicht gut aber inbrünstig ‚Stille Nacht´. Alle drei Strophen. Bis alle Sternwerfer abgebrannt waren. Ich rieche diesen Duft heute noch.

Dann wünschten wir uns Frohe Weihnachten, umarmten und küssten uns. So manche Träne der Rührung wurde verdrückt und endlich – Bescherung!

Welch glückliches Weihnachten.

P.S. Nur einmal waren wir am Heiligen Abend 8. Mein Onkel hatte tatsächlich einen großen Karpfen gefangen. Dieser verbrachte dann die Heilige Nacht fröhlich bei uns in der Badewanne… der Speiseplan wurde nicht geändert😉

3 Kommentare zu „Weihnachten, wie‘s früher war

  1. Das hast du sehr sehr schön geschrieben. Da werden bei mir auch so manche Erinnerungen wach. Wir hatten nicht viel , aber trotzdem waren wir glücklich über jedes so kleine Geschenk 🎁

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